Fällt der Blick zum ersten Mal auf das Gemälde fühlt man sich an schwarz/weiß Filme der 60er Jahre erinnert. Unwillkürlich erklingt im Kopf ein düsterer Soundtrack, der von einem Antihelden kündet. Es ist schwer in Wort zu fassen, warum das sich distanziert gebende Gesicht den Betrachter trotzdem einfängt. Es sind nicht nur die warmen Augen, deren helles Braun die einzige buntfarbige Fläche in dem unbunten Gemälde ist. Es ist nicht allein der Reflex in der Pupille, der von Leben kündet. Es sind auch die dunkel-intimen malerischen Gesten, die dem Gesicht Leben einschreiben. Sie bestimmen, wie ein musikalischer Grundton, den Ausdruck des Gesichts und damit des Gemäldes. Die horizontalen und vertikalen Bewegungen des Pinselduktus scheinen ein lockeres Gespinst zu bilden hinter dem sich der uns Unbekannte verbirgt, dass aber gleichzeitig in seine Oberfläche einbeschrieben zu sein scheint. Ver- oder entschleiert es den Protagonisten? Ist er eine reale Gestalt, die ins Licht tritt oder handelt es sich um den manifest gewordenen Ausdruck der inneren Stimme? Und über allem liegen weiße Formen, die wie Risse daherkommen. Sie öffnen nicht die Leinwand und zeigen ein Dahinter. Sie öffnen nicht die Person und zeigen eine tiefere emotionale Ebene. Sie stellen nicht die Malerei als solche bloß und legen die Malmittel frei. Sind es also Risse im Gefüge der Bildebenen oder Risse zwischen Deutungsebenen? Sie können aber auch Gestalt gewordener Ausdruck eines inneren Soundtracks sein, denn der Titel „Alter Idem“ ist dem Ausspruch Ciceros aus Laelius de amicitia 21, 80 entlehnt, in welchem er schreibt, dass ein wahrer Freund gleichsam ein zweites Selbst ist. Sind das Gesicht, der düster-melancholische Soundtrack und die Erinnerungen an schwarz/weiß-Filme also mein zweites Selbst? Die Mehrdeutigkeit der Darstellung ist nicht nur Teil der ersten Faszination – sie fordert dazu auf hinzuschauen und sich selbst zu befragen.

Acryl auf Leinwand
60 x 80 cm

2020

Preis: 750,- €